Zwangsjacke oder Zaubermantel?

Wie wir weitere Lockdowns in der digitalen Welt gut überleben.
November 2020

Zwangsjacke oder Zaubermantel?

Wie wir weitere Lockdowns in der digitalen Welt gut überleben.

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Zwangsjacke oder zaubermantel?

Der neue Lockdown – egal, ob man ihn light, fluffy oder easy nennt – zerschmettert endgültig das gewohnte Verhältnis zwischen dem Ich und unserem Verhältnis zur digitalen Welt. Im ersten deutschen Corona-Frühjahr 2020 waren wir wie in einem riesigen Sozialexperiment über Nacht auf einmal zum Großteil von der analogen Welt abgeklemmt. Und mussten die meisten Lebensbereiche mithilfe von digitalen Strategien neu meistern: Job, Privatleben, Haushaltsführung, Gesundheit. Bei vielen Menschen ging das erstaunlich gut, manche stürzten sich gar euphorisch in das digitale Bad.

Denn wir sahen, was möglich ist, aus dem Zwang geboren. Die Art des Wirtschaftens und Lernens änderte sich innerhalb weniger Wochen. Und bei aller Angst und allem Schrecken war – geben wir es doch zu – auch ein wenig Honeymoon dabei: Hey, lass uns auf Zoom Wein trinken! Neuer Laptop! Endlich keine ewigen Staus am Weg ins Büro! Facetime-Orgien mit Freunden in den USA! Für das Budget von Theater und Kino endlich mal alle Lieferdienste ausprobiert! 

Der Zauber des ersten digitalen Vollbads ist vorbei.

Doch der Zauber des Anfangs, der neuen Stufen des Lebens innewohnt, ist vorbei. Wir haben das Leben in einer weiteren Pandemie-Phase begonnen, in der auch unser Verhältnis zur digitalen Welt ein anderes sein wird. Und wer weiß schon, wie viele weitere Lockdowns noch folgen werden. Exit Honeymoon. Auftritt Alltag. Und mit dem Alltag die Langweile, Enge und das Gefühl: »Ich will mich scheiden lassen!«. Aber das geht eben nicht, weil Corona so etwas ist wie eine Zwangsehe. Die leider nicht nur eine Pandemie ist, sondern eine Syndemie: eine Krise in Wirtschaft, Bildung und Gesundheitsbereich zugleich. Und so werden wir in der digitalen Welt for better and for worse leben. Auf und ab, ab und auf: Wir werden uns an das immer wiederkehrende Fade Out von analoger Welt und das Rauffahren von Digitalleben gewöhnen müssen. Ständig hin und her switchen zwischen Teams-Unterricht und Echtzeit-Schule, Zoom-Meetings als Zeichen von corporate responsibility und Teambuilding im Freien als Einstiegshilfe für neue Mitglieder in Unternehmensabteilungen.

Aber was passiert, wenn die digitale Welt nicht mehr eine angenehme Cloud um uns ist, sondern vielmehr eine Zwangsjacke? Vor Corona war das Verhältnis zwischen digitaler Bubble und analoger Welt eines, das wir mehr oder weniger steuern konnten: Wir recherchierten die Mauritius-Reise am iPad und reisten dann dahin. In diesen Tagen recherchieren wir Mauritius am iPad und reisen dann am iPad. Liegen dabei im Bett in Deutschland und trinken Lindenblütentee statt Sex on the Beach – und klicken uns zwischendurch durch die Angebote von Maskenherstellern mit Camouflage-Prints. Die Welt wird klein, auch wenn unser digitales Universum unendlich ist. Physisch aber laufen wir ständig gegen Wände.

Mediziner untersuchen Pandemie-Stress.

Doch wie viel digitales Leben hält die Seele aus, wenn durch die Corona-Pandemie viele Menschen sowieso schon verunsichert sind? »Die gesellschaftlichen Konsequenzen der Pandemie können aktuell noch gar nicht geschätzt werden«, sagt Marco Schmeding, Chefarzt der Dr. Becker Rehaklinik in Norddeich/Mole. Denn eine solche Situation ist für Deutschland in den letzten Jahrzehnten ohne Vergleich. Bundeskanzlerin Angela Merkel – eher bekannt für ihre nüchterne Art – sagte am Beginn der Pandemie: »Vor uns liegt eine Herausforderung vergleichbar mit den Kriegsgeschehen in Deutschland.« Wir wissen, dass Epidemien und Pandemien wie die spanische Grippe 1918, die Ebolafieber-Epidemie 2014 – 2016 und die Katastrophen von Tschernobyl 1986 oder von Fukushima 2011 weltweit zu ausgeprägten psychophysischen Belastungen geführt haben. So werteten etwa Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover eine im April 2020 gestartete Umfrage aus und sahen Belege für eine deutliche mentale Belastung mit einem Anstieg von Stress, Angst, depressiven Symptomen, Schlafproblemen, Reizbarkeit und Aggression sowie Zunahme von verbaler, körperlicher und sexueller Gewalt. »Die Menschen fühlen sich in ihrem Selbstwirksamkeitserleben stark beeinträchtigt, soziale Bindungen sind belastet oder gar zerbrochen«, sagt der Arzt und Psychotherapeut Schmeding. »Zum Glück sind Menschen solchen schicksalhaften Ereignissen nicht passiv ausgesetzt. Sie können etwas dagegen tun. Ihr Leben und ihr Glück in die Hand nehmen«, erklärt Marco Schmeding.

Die Grenzen des digitalen Handelns.

In der FAS-Ausgabe vom 8. November 2020 berichteten auch Berliner Spitzenpolitiker über die Schwierigkeiten, digital zu arbeiten und Politik zu machen: Der Kontakt zu den Menschen im Wahlkreis fehle, vor allem der positive Streit in Parteigremien. Weil man einander auf Zoom eben nicht gleichzeitig ins Wort fallen kann, der Rhythmus von Verhandlungen sich verändert, spontane Witze nicht wie in einer analogen Runde mit dem Blick in Gesichter auf ihre Wirkung geprüft werden können, wenn manche Ton oder Kamera ausgeschaltet haben. Denn auch geistige Arbeit hat mit Nähe zu tun. Komplexe Verhandlungen können so körperlich sein wie ein Ringkampf und werden idealerweise mit allen Sinnen ausgetragen. Wie wohl der Wahlkampf für die Bundestagswahl im September 2021 werden wird? Hände schütteln, Diskutieren am Marktplatz, gemeinsame Selfies? Es geht um Gefühl und Gemeinschaft. Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, gab unlängst zu, dass bei digitalen Konferenzen vor allem das Entscheidende fehlt: die Pausen. Weil da die Musik in informellen Gesprächen spielt.

Wie nutzen wir die Krise positiv?

Das Positive, das viele Führungskräfte in den vergangenen Monaten gelernt haben: Weniger Reisen spart Kraft und Zeit. Oder wie die CSU-Staatsministerin für Digitalisierung sagt: »Ich muss nicht mehr für jedes Grußwort 300 Kilometer fahren.« Dorothee Bär meint: »Vorher hatten wir 95 Prozent analog und 5 digital. Jetzt haben wir 95 Prozent digital und 5 analog. Auf Dauer wär’s schön, wenn das Verhältnis 50 zu 50 wär.« 

Wir brauchen neue Lebens-Konzepte und Post-Corona-Konzepte, die für die berühmte »Zeit danach« gelten, gleich dazu. Denn so seltsam es klingt: Die Corona-Krise kann auch eine Lehrmeisterin sein. Eine gute. Ein Lebenscoach. Denn sie zwingt jede und jeden von uns, sich mit den Kernfragen des Lebens auseinanderzusetzen: Was brauche ich wirklich? Was macht mich glücklich? Wovor habe ich Angst? Habe ich Kräfte in mir, die helfen, an schwierigen Wendepunkten weiter zu gehen? Ein Trost ist: Die Covid-19-Pandemie ist auch eine große Gleichmacherin, denn das Virus befällt sich potent gebende Staatslenker genauso wie Menschen auf der Straße. Für viele Menschen ist auch die Zeit, sich zu fragen: Mache ich etwas ganz Neues? So wird aus dem arbeitslosen Opernagenten ein internationaler Vertriebsmanager für Gesundheitsprodukte, ein Familienvater stellt seine Coachings zur Hälfte auf Online-Trainings um, neue Wohnformen zwischen Single-Freunden entstehen, weil Menschen merken, wie wichtig körperliche Nähe sein kann.

Der neue Digital-Knigge für uns selbst und andere.

»Berufliches Beziehungsmanagement ist in diesen Zeiten wichtiger als je zuvor – denn das digitale Arbeiten nimmt uns viel, was uns gut tut, auch im Geschäft«, sagt die Unternehmensberaterin Christiane Gräfin Matuschka, die in diesen Tagen als Coach viele deutsche Firmen online berät. »Es hilft allen, wenn man als digital worker grundsätzlich nicht mit T-Shirt und Jogginghose im Home-Office sitzt, egal ob man ein Online-Meeting hat oder nicht«, rät sie. »Wenn wir arbeiten, spielen wir eine andere Rolle als die des Privatmenschen, wir üben Funktionen und auch Macht aus. Gehen Sie so ins Online-Büro, wie Sie auch ins reale Büro gehen«. Matuschka appelliert dazu an ihre Kunden, sich bewusst bei Themen wie digitalem Moderieren und Auftreten weiterzubilden. »Bei Online-Meetings ist es für viele Menschen schwieriger, ihre Botschaften rüberzubringen, denn man hat sowohl nur ein kleines Zeitfenster, als auch ein begrenztes Bildschirmfenster für den Auftritt.« So sei es wichtig, Blickkontakt, Gestik der Hände und auch Farbe der Kleidung als helles oder leuchtendes Feld einzusetzen. Wichtig sind zudem eine vorteilhafte Beleuchtung und ein sympathisch wirkender Hintergrund.

Das A und O im Online-Job: Gute Vorbereitung.

Eine gute Vorbereitung bei Online-Meetings hält die Expertin für noch wichtiger als bei realen Konferenzen, da es auch nach Monaten Training oft technische Störfaktoren gibt. »Man sollte fähig sein, seine Kompetenzen sofort in Manege zu werfen und klar zu machen, was man kann.« Fahrplan für jede Sitzung: Anmoderation, Überleitungen zwischen Beiträgen, Präsentation, klare Statements ohne langes Schwafeln, Fragerunde, Abmoderation. »Im Idealfall sollten wir das wie Radiomoderatoren üben, die sind gute Vorbilder. Keine Ähs und Äms, gute Tonlage, auf den Punkt kommen, sich nicht in den Vordergrund spielen«, sagt sie. Gerade Führungskräfte sollten bei Online-Meetings Orientierung geben und das vorleben. Ihrer Erfahrung nach ist folgende Erkenntnis für die nächsten Monate wichtig: »Es sieht so leicht aus, digital zu arbeiten – aber wir haben jeden Tag einen anderen Tagesablauf, springen zwischen Online-Tools hin und her, dazu fehlen die Anfahrten zum Arbeitsplatz oder Konferenzen, bei denen wir uns innerlich auf die Treffen vorbereiten.« Und weniger ist mehr: »Wenn man im Stundenrhythmus Online-Konferenzen hat, ist dieses Sprechen auf den Punkt sehr anstrengend, vor allem, wenn die Organisatoren nicht beachten, dass nach 45 Minuten eigentlich die Konzentration vieler in den Keller fällt.«

Die digitale Visitenkarte.

Firmen und Selbstständigen rät Matuschka, sich bewusst ein Online-Profil herauszuarbeiten. »Wir können uns wie eine Marke, ein eigenes Brand betrachten, für das wir uns in der digitalen Welt ein klares Auftreten geben.« Das Ziel ist, eine wiedererkennbare, positiv besetzte Personenmarke zu sein. »In dem Moment, wo ich als Person online auf einem anderen Bildschirm erscheine, trete ich in die Welt von zig anderen Leuten ein und bin im Idealfall mit einer Bildschirm-Strahlkraft sofort nahbar und authentisch und kann kommunizieren.« Das ist wichtig, gerade weil der Bildschirm im Gegensatz zum analogen Leben nur zweidimensional ist. »Wenn es nicht gut läuft, ist es schwieriger, in einem Team Nähe und Sympathie aufzubauen und die anderen können sich halb ausklinken.« Dazu gehört auch der Respekt gegenüber den anderen: Achtsam mit der Zuhörzeit der Kollegen oder Kunden umgehen, Pausen machen.

Ihr unterschätzt die Digitale Welt!

Gerade in Pandemie-Zeiten, in denen manche Unternehmen Budgets drastisch kürzen, sieht die Beraterin die Investition in Personal und Organisationsentwicklung als essenziell: »Die Mitarbeiter brauchen nicht nur die Möglichkeit, ihre Online-Skills zu trainieren, sondern auch Möglichkeiten zur Reflexion wie etwa Sprechstunden, in denen darüber geredet wird, was dieses Remote-Leben mit uns macht.« Zudem gibt es Menschen, die einfach nicht digital führen wollen –» und wir müssen überlegen, wie wir mittelfristig damit umgehen und Lösungen finden.« Sie plädiert für ein strukturiertes Planen von Interventionsmöglichkeiten bei Stress, Disharmonie und digitalem Fremdschämen, etwa bei unangemessenen Reaktionen bei Online-Meetings. »Wir brauchen in den Teams Rituale für Rückzugsmöglichkeiten und eine größere Vertrauensbasis für die Mitarbeiter: Geben Sie Eigenverantwortung!«. Ohne Kultur des gemeinsamen Lernens geht es nicht – »denn nur so schaffen wir eine Transformation in ein Post-Corona-Arbeiten«, ist sie überzeugt. Denn in der virtuellen Welt wird es sichtbarer, dass die Teile der Gesellschaft lernende Systeme sein müssen.

Selbst-Coaching: Klare Grenzen setzen.

Krisen sind immer auch Wendepunkte. An denen man neue Wege geht. Das Unbekannte ist anstrengend, und deshalb ist es wichtig, rücksichtsvoll mit sich selbst zu sein und ab und zu einen seelischen Schutzmantel anzulegen, der einen vor der Pandemie-Welt geistig trennt. Dafür ist ein Selbst-Coaching notwendig: die Disziplin, sich von der digitalen Welt zu bestimmten Uhrzeiten sehr bewusst zu lösen und auf den eigenen Körper zurückzufallen. Zeit für Sport, Meditation, Autogenes Training, Lesen auf Papier. Regeln wie: keine Mobile Devices im Bett. Manchen Menschen hilft es, Morning oder Evening Pages zu schreiben, in denen sie Ängste und Ziele für den Tag oder die Woche aufschreiben. Vom seelischen Wohl, gar der Erlösung durch eine solche Seelenerforschung bei Entscheidungen wusste schon der Heilige Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, in seiner Lehre von der »Unterscheidung der Geister«, die er bei anstehenden Entscheidungen empfahl: Entscheidungsalternativen sichten, Abwägen, Gefühle dazu kommen lassen, Überprüfung auf Zukunftsfähigkeit, Umsetzung. Und wenn am Ende eines Tages alles zu viel wird? Lohnt es sich, sich an ein altes russisches Sprichwort zu erinnern: »Leg Dich schlafen, Väterchen! Der Morgen ist klüger als der Abend.«

Die Krise als Booster.

So bietet die Krise schließlich zwei große Chancen: sich selbst als Person auf seinem Lebensweg in Ruhe zu hinterfragen – und im Business neue Türen zu öffnen für Technologien, Skills der Mitarbeiter, kreative Teamlösungen und Wagemut. Sie ist ein Booster für Change Management in allen Bereichen von Organisationen. Viele Menschen werden diesen Wandel nicht isoliert umsetzen können, umso wichtiger sind die richtigen Ratgeber an der Seite, mit denen als interdisziplinären Teams der Post-Corona-Change begonnen wird.

Über Stefanie von Wietersheim.

Die Kulturjournalistin Stefanie von Wietersheim liebt ihr analoges Leben in Paris und Niedersachsen – mit Papierbüchern, Designstreichhölzern, Blumenstecken und dem Schreiben von echten Briefen. Doch gerade in Lockdown-Zeiten ist sie als leidenschaftlicher iPhone-Junkie wegen Sehnenscheidenentzündung öfter latent arbeitsunfähig. Die heute 50-Jährige studierte in Passau und Tours »Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien«. Nach ihrem Zeitungsvolontariat bei der »Passauer Neuen Presse« arbeitete sie für Tageszeitungen, Filmproduktion und Hochglanzmagazine. Ihre Bildbände »Frauen & ihre Refugien«, »Vom Glück mit Büchern zu leben«, und »Mütter & Töchter« (Callwey-Verlag) wurden zu Bestsellern ihres Genres. In ihrem Buch »Grand Paris – Savoir-vivre für Insider und solche, die es werden wollen« schreibt sie über ihre Wahlheimat Frankreich. Stefanie von Wietersheim geht als Autorin der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« regelmäßig auf Reportage und schreibt die FAS-Kolumne »Der Wohn-Knigge«. Wirklich schmerzhaft findet sie es, wegen der Corona-Beschränkungen von ihrem Kammerchor getrennt zu sein, und wartet sehnsüchtig auf eine digitale Plattform, auf der ein Dutzend Sänger ohne Latenzprobleme miteinander musizieren können. 

 

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