Macht das Web uns gebildeter und informierter?

Zugriff auf scheinbare alles Wissen der Welt.
Wie das WWW uns verändert.
Februar 2017

Macht das Web uns gebildeter und informierter?

Zugriff auf scheinbare alles Wissen der Welt.
Wie das WWW uns verändert.

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MACHT DAS WEB UNS GEBILDETER UND INFORMIERTER?

Das digitale Zeitalter demokratisiert Informationen in einem bisher nie gekannten Ausmaß: Über das WWW hat zumindest der westliche Mensch Zugriff auf scheinbar alles Wissen der Welt. Über soziale Netzwerke findet jeder ernsthaft Suchende einen Fachmann.

Eigentlich sollte dies mit einem massiven Bildungsaufschwung einhergehen, der es auch weniger privilegierten Schichten erlaubt, die eigene Bildung zu vervollkommnen – so er denn will. Tatsächlich macht jedoch das Wort von der »Digitalen Demenz« die Runde, welches der Psychiater Manfred Spitzer im Jahr 2012 in die öffentliche Diskussion einbrachte.

EIN MÜNDIGER MENSCH?

Macht uns das Web also wirklich gebildeter und informierter? Erzieht es uns zum mündigen Menschen im Kantischen Sinne, vermittelt es das, was seit Meister Eckhart als »Bildung« gilt? Wir meinen: Nein, sondern im Gegenteil – im schlimmsten Fall bewirkt es das Gegenteil dessen, was Kant vorschwebte:

»[Bildung] ist Erziehung zur Persönlichkeit, Erziehung eines frei handelnden Wesens, das sich selbst erhalten, und in der Gesellschaft ein Glied ausmachen, für sich selbst aber einen innern Wert haben kann.«

Wir wollen an dieser Stelle die Perspektive der kognitiven Leistungskraft beiseite lassen und uns stärker auf die Bildung zur Mündigkeit konzentrieren: dass wir nicht mehr nur im Bannkreis der eigenen Kultur leben, sondern per Mausklick uns jede noch so fremde Kultur anverwandeln können – und sei es über ein per Amazon bestelltes Buch vom anderen Ende der Welt – Was macht das mit uns?

WIE WIR REZIPIEREN.

Und dann die Frage nach dem Medium selbst: Wie unterscheidet sich das Rezipieren von Hypertext vom Lesen herkömmlicher, physischer Medien in Bezug auf die Formung einer eigenen Meinung und eines reichen Innenlebens? An dieser Stelle ergibt es Sinn, die Wortneuschöpfungen vom »vertikalen« vs. dem »horizontalen« Rezipieren eines Textes einzubringen.

Beispiel für das »vertikale« Lesen wäre ein anspruchsvoller, z.B. philosophischer Text. »Vertikal« bedeutet hier, dass er sich einer Sache in die Tiefe gehend widmet; es bedeutet aber auch, dass der Leser dem Text in diese Tiefe folgen muss, will er den Kern der Sache erfassen. Im Gegensatz dazu lädt der »horizontale« Hypertext dazu ein, Links zu folgen, Themenhopping zu betreiben und in die Breite zu gehen.

Ein Nachteil des horizontalen Lesens liegt auf der Hand: Es verhindert oft genug die gründliche Auseinandersetzung mit der Materie. Wo es vielen noch schwer fällt, ein angefangenes Buch wegzulegen und einfach zum nächsten zu springen, locken hier ebenso der Link wie der Abbruch durch Weitersurfen.

HALBWISSEN, EINE BEDROHUNG FÜR DIE DEMOKRATIE?

Bezogen auf Kants Bildungsbegriff steht hier der »Halbwissende« drohend als Zukunftsvision am Horizont: Er weiß über alles etwas, aber über nichts alles. Vielleicht ist es diese Spezies, die mit viel Meinung, aber wenig Substanz die Kommentarspalten der Onlinezeitungen füllt. Im schlimmsten Fall stellt diese Art der Halbbildung jedoch eine Gefahr für die gesamte Demokratie dar; politische Willensbildung findet dann auf der Grundlage von kolportierten Halbwahrheiten, halb verdauten Meinungen und forsch zusammengestöpselten Weltbildern statt. Eine echte Auseinandersetzung mit der (Geistes-) Geschichte und den Grundlagen von Konservatismus, Liberalismus oder Sozialismus findet nicht mehr statt: Parolen ersetzen Positionen.

BILDUNG AUS VIELFÄLTIGEN QUELLEN.

Dies jedoch als abschließendes Urteil zu werten wäre vorschnell: So hat die Allverfügbarkeit von These und Antithese natürlich auch massive Vorteile. Wo man früher noch in Ermangelung von Alternativen einem Denker folgen musste, findet sich hier mit wenigen Klicks nicht nur dessen Einordnung in die gesamte Geschichte des Denkens; auch seine Gegner sind leicht verfügbar und helfen, Einseitigkeiten und fanatische Anhängerschaft auszubalancieren.

Genau hier liegt jedoch – so meinen wir – das Grundproblem digitaler Texte und Medien. Bevor überhaupt die ernsthafte, durchlebte und manchmal durchlittene Auseinandersetzung mit einem Autoren stattgefunden hat, geschieht allzuoft, dass er lediglich durch die Brille von Sekundärliteratur wahrgenommen wird – das im wahrsten Sinne des Wortes »bildende« Element bleibt außen vor. Der ungeduldige Leser will sich die Vogelperspektive nicht verdienen, sondern greift sofort zur Gesamtschau, welche notwendigerweise verkürzend, wenn nicht gar verfälschend ist.

WAS IST WAHR, WAS IST ILLUSION?

Die Konsequenz ist eine Art stiller Resignation, wie sie unter anderem von dem amerikanischen Dozenten Harold Bloom in seinem Bestseller »The Closing of the American Mind« beschrieben wurde: Unter der scheinbar erdrückenden Last der langen Geschichte großer Denker macht sich die Ansicht breit, dass eh alles gesagt und nichts wirklich wahr wäre.

Die Folge: ein unverdauter, bis zur Resignation vergiftender Relativismus, der, wie heute offensichtlich ist, weite Teile von Akademie und Gesellschaft ergriffen hat und schon früh von Pontius Pilatus angesichts des leidenden Christus formuliert wurde: »Was ist Wahrheit?« Warum sich überhaupt mit dem Denken beschäftigen, wenn doch eh bereits alles widerlegt wurde? Warum noch nach Bildung streben, wo der Mensch spätestens seit Nietzsche weiß, dass »die Wahrheit« lediglich eine geliebte Illusion sei? Wieso die Anstrengung auf sich nehmen, dicke Bretter zu bohren, wenn es doch Wikipedia gibt?

DIE SELBSTVERKLEINERUNG AUF STAUBKORNGRÖSSE.

Hier liegt die wirkliche Gefahr unserer wissensgesättigten Gesellschaft: Der völlige Verzicht auf eine eigene Position, die Aufgabe des Wahren, bevor man überhaupt etwas für wahr befunden hat, die Selbstverkleinerung angesichts einer schier unfassbaren Fülle an Philosophien, Psychologien, Religionen und Weltanschauungen, von denen – und auch das ist Zeitgeist – jede als gleichberechtigt zu gelten hat.

Was bleibt ist der Mensch, wie Nietzsche ihn vorausgesehen hat: Ein Staubkorn in einem kalten Universum, das nichts hat, woran es sich klammern könnte als sich selbst. Und nicht einmal das, wie wir seit Freud wissen. Sollte das die Zukunft sein: eine Herde abgeklärter Pseudo-Nietzsches?

Verfasst von Jochen Weiland.

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Der Artikel als Illustration.

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