Hunde, wollt ihr ewig leben?

Transhumanismus und die Human-Cyborg-Bewegung
September 2017

Hunde, wollt ihr ewig leben?

Transhumanismus und die Human-Cyborg-Bewegung

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AUF DEM WEG ZUM ÜBERMENSCHEN: TRANSHUMANISMUS UND DIE HUMAN-CYBORG-BEWEGUNG.

Sie sind unter uns: Cyborgs. Der bekannteste dürfte wohl Neil Harbisson sein, der seit 2004 mit einer Art Antenne am Kopf lebt. Der farbenblinde Künstler kann so Farben in Töne umwandeln, die dann über ein Implantat im Hinterkopf angezeigt werden. Mit diesem »Gadget« ist es ihm möglich, ultraviolette und Infrarot-Strahlen zu hören – auch solche, die weit entfernt sind: Das Internet macht es möglich.

Eine ganze Bewegung hat sich inzwischen um die Wissenschaft der Optimierung des Menschen mit Hilfe technischer Mittel gebildet: Die Transhumanisten wollen die menschlich-allzumenschlichen Mängel mit Implantaten, aber auch durch chemische Manipulation überwinden. Das Fernziel ist die Unsterblichkeit, ihre Hoffnung liegt auf der sich rasant entwickelnden digitalen Technologie.

PERMANENTE GESUNDHEIT DURCH MIKROSKOPISCH KLEINE ROBOTER.

Posthumanismus heißt das Schlagwort, das die Jünger dieser Bewegung antreibt: Eine Art Übermenschentum, in dem weder Krankheit noch Leid und Tod die Menschheit an der Verwirklichung ewiger Existenz hindern. Mikroskopisch kleine »Roboter«, die in den Körper injiziert werden, sollen dabei helfen, permanente Gesundheit zu erreichen; Wissen soll ebenso leicht hochgeladen werden, wie wir dies heute mit Updates auf unseren Rechnern tun.

Was treibt die Jünger dieser Bewegung an? Was würde denn – gesetzt es wäre möglich – ewiges Leben für die Menschheit bedeuten? Wie versteht sich ein Human Cyborg, der seine Makel mit Hilfe der Technologie ausmerzt?

PERFEKTION IM HIER UND JETZT.

Es geht den Transhumanisten in äußerster Konsequenz um nicht weniger als das, was man als »Himmel auf Erden« bezeichnen könnte. Dieser Gedanke ist nicht so neu, wie man denken möchte: Bereits der Marxismus, mit seiner dezidiert areligiösen Haltung, hatte das diesseitige Paradies als Fluchtlinie. Im Gegensatz zu den Denkern vergangener Zeiten war für Marx Philosophie etwas, das getan werden sollte – ein Aufruf, die (scheinbar) perfekte Gesellschaft im Hier und Jetzt zu errichten, anstatt sie ins Jenseits zu verlagern.

Auch im Nationalsozialismus, mit seinem – Nietzsche entlehnten – Ideal des Übermenschen, klingt das die Idee der Transhumanisten an. Dass es gerade zwei Ideologien mit mörderischen Konsequenzen sind, die zum Thema einfallen, sollte zu denken geben. Wann immer der Mensch sich zum Schöpfer, oder besser: zum Designer seiner selbst aufschwang, war die Katastrophe nicht weit.

EINE WELT OHNE SCHWÄCHEN UND OHNE MENSCHLICHKEIT.

Sogar, wenn man diktatorische Regime aus der Gleichung nimmt, bleibt ein schaler Beigeschmack: Wenn Gesundheit, Intelligenz und extreme Langlebigkeit mit geringem Aufwand zu erreichen sind, wächst dann nicht zwangsläufig der Druck auf all diejenigen, die sich der Selbstoptimierung verweigern? Wird es dann noch Mitleid mit den Schwachen, den Einfältigen, den »Minderleistern« geben, oder findet sich die Menschheit nicht unversehens in einem gnadenlosen Wettlauf wieder; einem Wettlauf, den sie gar nicht gewinnen kann?

Und: Wann verliert der Human Cyborg eigentlich sein Menschsein und wird der Maschine unterworfen? Kann es eine Herrschaft der Roboter geben, wie sie sogar von nüchternen Denkern wie Stephen Hawkings dunkel geahnt wird?

DIE HERRSCHAFT DER TECHNIK.

Diese Frage zu beantworten ist weder möglich noch nötig. Selbst wenn das Szenario der Maschinenherrschaft à la »Terminator« nicht Wirklichkeit wird, ist die Gefahr damit keineswegs gebannt. Tatsächlich ist sie bereits präsent, hier und jetzt: Es ist die Herrschaft der Technik, die keiner Unterwerfung bedarf – sie wird mit offenen Armen begrüßt und scheint auf den ersten Blick nicht nur harmlos, sondern sogar hilfreich.

Denn: Sobald wir anfangen, uns selbst im Paradigma der unbegrenzten Machbarkeit zu betrachten, hat die Technik (als ein »zu machendes«) Land in unseren Köpfen gewonnen. Die Neurowissenschaften, die sich schon seit längerem aufmachen, die klassische Psychologie des Geistes vom Thron zu stoßen, sind nur ein Beispiel dafür.

DER WEG ZU EINEM »LEIDFREIEN« LEBEN.

In seiner ganzen Drastik tritt dieses Paradigma, das den Menschen schließlich zur logischen Maschine degradiert, in einer scheinbaren Randnotiz aus dem Jahre 2011 zu Tage: So sei es Wissenschaftlern gelungen, bei Mönchen und Nonnen mittels elektrischer Reizung bestimmter Hirnregionen das Gefühl von Erleuchtung bzw. Gott-Erleben zu »erzeugen«.

Ebenfalls in diesen Bereich fällt die zunehmende Tendenz, Leiden mit Hilfe von Medikamenten und simplen Verhaltenskonditionierungen aus der Welt zu schaffen, anstatt sich, wo geboten, mit den Ursachen desselben auseinander zu setzen – und im besten Fall über sich hinauszuwachsen. Ein »leidfreies« Leben, wie es die Transhumanisten anstreben, scheint aber nur auf den ersten Blick attraktiv.

IST EIN LEBEN OHNE LEID ERSTREBENSWERT?

Denn ist es nicht Leid, das uns wirklich wachsen lässt? Würden wir nicht lebenslang unreif und behäbig bleiben, wenn wir nicht gelegentlich einen Tritt bekämen? Gewinnt der Mensch seine einzigartige Würde nicht gerade dadurch, dass er Widerstände überlebt und überwindet? Gibt nicht der Tod als immer schon präsentes, vorausgedachtes Ende dem Leben seinen Glanz und seine Würde, ja: seine unverwechselbare, persönliche Geschichte? Können wir überhaupt einen Begriff von Gesundheit und Wohlbefinden haben, wenn es nicht auch Krankheit und Trauer gibt?

Verfasst von Jochen Weiland.

VIELLEICHT IST DER TRAUM DER TRANSHUMANISTEN IN WIRKLICHKEIT EIN ALBTRAUM: WENN WIR DAS LEID ABSCHAFFEN, SCHAFFEN WIR GLEICHZEITIG DIE LEIDENSCHAFT AB. UND DAS BEDEUTET TOD – OB DAS HERZ NOCH SCHLÄGT ODER NICHT.

Imperfektion gehört zum Menschsein – in einer professionell geführten Kampagne sollte sie jedoch nur Anstoß zu permanenter Optimierung sein. Ob Sie mit Google Shopping werben, auf der Suche nach den perfekten Affiliates sind oder mit Video-Advertising in die Köpfe und Herzen Ihrer Zielgruppe gelangen wollen: In Sachen Performance ist für uns gut genug eben gerade nicht genug!

Der Artikel als Illustration.

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