Das Ende der Simulation?

Die Sehnsucht nach dem Echten – eine Spurensuche.
Oktober 2017

Das Ende der Simulation?

Die Sehnsucht nach dem Echten – eine Spurensuche.

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Das Ende der Simulation?

Uferpromenaden, Konzerthallen, Weihnachtsmärkte werden zu Schauplätzen des Terrors, mitten in Europa verspielen subversive Hasardeure unser aufgeklärtes Wertesystem, das Land der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten errichtet einen Schutzwall und in Deutschland regieren »Volksverräter« und »Lügenpresse«. What? Was klingt wie der Plot einer kruden Sci-Fi-Story, ist in Wirklichkeit unsere Wirklichkeit. Also bitte, in welcher Welt leben wir denn? Werfen wir anlässlich des 10. Todesjahres Jean Baudrillards einen Blick zurück und suchen nach Antworten.

Abschied von der Wirklichkeit.

Jean Baudrillard (1929 – 2007), Soziologe, »Pataphysiker«, Provokateur, Essayist, Weltuntergangsprophet war einer der profiliertesten Medientheoretiker des massenmedialen Zeitalters. Und mit Sicherheit der umstrittenste. Seine Antwort auf die Frage nach der Beschaffenheit der Wirklichkeit formulierte er bereits in den 1970er Jahren. Die Simulationstheorie bleibt Kern seines Denkens. Kurz und knapp:

Die Massenmedien haben die Wirklichkeit zum Verschwinden gebracht. Die Bilder und Zeichen, die im endlosen Strom über unsere Bildschirme und Displays flimmern, haben ihre Stellvertreterfunktion verloren. Sie verweisen auf nichts mehr. So ist beispielsweise das Zusammentreffen von Forrest Gump und Präsident Kennedy Teil unserer Wirklichkeit, obwohl ein solches natürlich nie stattgefunden hat. Die Zeichen haben sich von ihrem Bezeichneten gelöst und sind referenzlos geworden.

Ohne zuverlässiges Bezugssystem ist es jedoch unmöglich zu unterscheiden, was imaginär, Fiktion und was real ist. So fliegt uns die Idee von Wirklichkeit und Wahrheit um die Ohren. Unser Wertesystem befindet sich in Auflösung; Orientierung bietende Antagonismen, z.B. Rechts/Links, Wahrheit/Lüge, sind ununterscheidbar geworden. Die Perfidie daran ist, dass es kein Entrinnen gibt. Der Konsument, Leser, Zuschauer, User selbst ist zu einem »Terminal im komplizierten Netz der Informationen und Simulationen« geworden, er ist Teil des Systems.

Ich poste, also bin ich.

Gegen dieses System simulierter als-ob-Wirklichkeit können wir nichts ausrichten. Wir können es lediglich überlisten, indem wir mitspielen. Und was kann das anderes bedeuten, als selbst Zeichen, Bilder zu produzieren? Bild’ dir deine Wirklichkeit! Lichtjahre vor Twitter, Facebook, Instagram & Co. konstatiert Baudrillard luzide:

»This is the principle of maximizing existence by multiplying contacts and relationships, by intense use of signs and objects, by systematic exploitation of all the potentialities of enjoyment. (…) You have to try everything, for consumerist man is haunted by the fear of ‚missing’ something, some form of enjoyment or other.«

Übertragen ins Jahr 2017: Die Anzahl der Freunde, Follower und Abonnenten ist die beruhigende Selbstvergewisserung des eigenen Vorkommens in der Welt der Bilder. Diese Bestätigung des eigenen bildhaften Erscheinens stiftet Identität – und ruft unablässig nach neuem Futter.

Angst wird Wirklichkeit.

Immer neue, in ihrer Schockwirkung einzigartige Bilder zu produzieren scheint auch die Stoßrichtung des modernen Terrorismus zu sein. Die gesendeten, geposteten, geteilten Bilder von Anschlägen, Amokläufen, Attentaten lösen ein zigfaches Echo aus. Durch ihre exponentielle Verbreitung in den sozialen und digitalen Medien, verändern Terror und Gewalt unsere Wirklichkeit allerdings spürbar. Gefühlt ist der Schrecken allerorten. Wie Kriechstrom wabert ein Gefühl von Unsicherheit durch unser aus den Fugen geratendes Koordinatensystem.

Angst macht sich breit. Also verschärfen wir Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, in der Badewanne zu sterben als Opfer eines Terrorakts zu werden. So wie es möglicherweise in vielen Ortschaften wahrscheinlicher ist, vom Blitz getroffen zu werden als einem Flüchtling zu begegnen. Doch das hält immer weniger davon ab, den Rattenfängern vom rechten Rand die Stirn zu bieten. Anders, mit den Worten Don deLillos gesagt: »Die Paranoia von heute beschreibt die Wirklichkeit von morgen.«

Chaos als Strategie.

Unsere Welt ist komplex. Und sie ist kompliziert. Sie bietet mehr Optionen als Orientierung. Immer mehr Lebensbereiche werden durch den digitalen Fortschritt fundamental verändert. Doch mit der Digitalisierung wachsen auch die Ambivalenzen. Den Vorteilen, die sie bietet, stehen die problematischen Konsequenzen gegenüber, die keiner bedacht hat – und die (noch) niemand im Griff hat.

Es ist toll, dass wir dank Airbnb überall auf der Welt in authentischen Locations übernachten können. Aber ist es auch toll, dass in immer mehr Städten immer weniger Wohnraum zur Verfügung stehen, weil Wohnungen tageweise vermietet werden? Es ist toll, dass künstliche Intelligenzen das Leben künftig einfacher machen, besser, gesünder, sicherer, billiger. Aber was ist dann mit meinem Job als Pfleger, LKW-Fahrer, Banker? Kann ich mir den Fortschritt leisten? Halt, Stop!, Hilfe! Nicht so schnell!

Kein Wunder also, wenn wir bei all dem virtuellen Wirrwarr irgendwie »retro« drauf kommen. Magazine wie »Landlust« gehen durch die Decke, auf der Internationalen Möbelmesse Köln dominiert 60er-, 70er-Jahre-Design, wir trinken wieder Filterkaffee, kaufen Schallplatten und nennen unsere Kinder Sophie, Marie und Karl. Auf die Art halten wir für ein paar nostalgische Augenblicke das digitale Raumschiff an und simulieren die entschleunigte Welt von gestern.

Wir sehnen uns nach der beruhigenden Wirkung, die das Echte, das Analoge bietet. Vielleicht wollen wir einfach wieder mehr spüren, uns der Wirklichkeit vergewissern? Die Seiten in einem gedruckten Buch selbst umblättern und dabei das leise Rascheln hören. Vielleicht wollen wir einfach manchmal keine Entscheidung treffen müssen – und kaufen Fahrräder mit nur einem Gang. Wir wollen uns die Wirklichkeit nicht nehmen lassen. Auch wenn es anstrengender geworden ist, sie im Überangebot zu entdecken. Das Leben ist eine Pralinenschachtel. Auch oder gerade weil wir nie wissen, was wir kriegen, hören wir nie auf zu suchen.

Kann man die Wirklichkeit digital gestalten und dabei authentisch bleiben?

Die virtuelle Welt verändert die Wirklichkeit permanent, weil sie sich selbst permanent verändert. Die vielfältigen digitalen Touchpoints stellen für Marken und Unternehmen neue Chancen, aber auch immer neue Herausforderungen dar. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen ihre Strategien anpassen und zugleich authentisch – glaubhaft, erreichbar, relevant – bleiben. Unsere Berater und Kampagnenmanager unterstützen Sie dabei. Nutzen Sie unsere Expertise zur Optimierung Ihres Change Managements, für professionelles Social Media Marketing sowie zur Entwicklung individueller Digitalstrategien, und gestalten Sie nachhaltigen Erfolg.

Der Artikel als Illustration.

Sichern Sie sich die grafische Interpretation dieses Artikels von Janina Röhrig als Download.

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