Besser leben?

Selbstoptimierung in Zeiten des Quantified Self.
August 2017

Besser leben?

Selbstoptimierung in Zeiten des Quantified Self.

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BESSER, HÖHER, WEITER IN ZEITEN DES QUANTIFIED SELF.

In einem TEDx-Talk, der weltweit zu Berühmtheit gelangte, berichtet Zoe Chance, eine Marketing-Professorin, von ihren Erfahrungen mit einem so genannten »Pedometer«. Innerhalb kürzester Zeit wurde das Messen ihrer Schrittzahl zu einer Obsession, die weite Teile ihres Lebens verschlang: Sie nutzte jede Gelegenheit, ihre eigenen Rekorde zu brechen und möglichst viele Kilometer hinter sich zu bringen – sogar ihre Tochter spannte sie ein, um ihre Zahlen zu maximieren. Erst eine Verletzung brachte die Wende: Sie lief zu diesem Zeitpunkt völlig erschöpft in den frühen Morgenstunden im Keller ihres Hauses herum.

Die Bewegung hinter der Selbstoptimierung mit Hilfe vernetzter Gadgets nennt sich »Quantified Self« und vor allem in den USA findet sie rasant Gefolgschaft. Ausgehend vom Silicon Valley scheint sie mehr zu sein, als nur eine Art, dem inneren Schweinehund einen Tritt zu versetzen.

KONTROLLVERLUST KOMPENSIEREN.

Vielmehr entspricht sie einem Lebensgefühl, das den Menschen zunehmend als Optimierungsmasse sieht. Steht die Quantified Self-Bewegung für eine Abwendung vom religiösen Zeitalter, das den Menschen zwar zum Streben nach Selbstverbesserung motiviert, ihn gleichzeitig aber primär zur Selbstannahme inklusive aller Schwächen aufruft? Der Mensch: vom Geschöpf zum Schöpfer seiner selbst?

Nach dem – zumindest lautstark proklamierten – Ende aller Metaphysiken, Ideologien und dem Verlust der Geborgenheit in religiösen Weltbildern sieht sich der Mensch einem unfassbaren Universum gegenüber, das sich seiner Kontrolle scheinbar entzieht. Globale Erklärungsansätze sind gescheitert, das Internet stellt dem Zeitgenossen grell vor Augen, dass seine Art, die Welt zu verstehen, nur eine von Abertausenden ist.

SELBSTOPTIMIERUNG ALS LÖSUNG.

Ist es da nicht verständlich, dass er sich wenigstens noch der einen Sache zu bemächtigen sucht, die er beeinflussen kann: seiner selbst? Ist die Quantified Self-Bewegung als ein Versuch anzusehen, Kontrolle in das scheinbare Chaos zu bringen, das uns umgibt?

Diese These hat ihren Reiz und findet eine Entsprechung in den gängigen psychologischen Modellen, Neurosen zumindest ansatzweise zu erklären: Das neurotische Ritual hat hier den Sinn, dem Chaos etwas entgegenzusetzen, Struktur zu schaffen, sich seiner selbst zu bemächtigen, »einen Pfahl in das ewig Fließende zu rammen«.

Tatsächlich bergen die vernetzten Gadgets einen Aspekt, der dem Ausagieren der Rituale in der Community »primitiver« Völker ähnelt: Erst, wenn ich meine abgeleisteten Kilometer auf Facebook poste, werden sie wirklich – unter den Augen anderer nehmen sie objektive Gestalt an.

Nachdem diverse Revolutionen zur konsequenten Optimierung von Produktionsprozessen führten, sieht sich der Mensch plötzlich selbst im Zentrum dieser Denkweise: Er wird zum Ziel permanenter Verbesserung, die die Ausmerzung jeglicher Störfaktoren zum Ziel hat. Wetware wird Hardware – die Technik, einst Dienerin des Menschen, wird zur Herrin. Am Horizont die Frage: Wer hat hier eigentlich wen in der Hand?

Verfasst von Jochen Weiland.

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Der Artikel als Illustration

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